
14.02.2007 Wir Menschen neigen dazu, als wirklich natürlich nur das zu sehen, was ohne Einwirkung des Menschen entstanden ist oder zumindest so entstanden zu sein scheint. Ein Baum ist Natur, wenn er wild in einem Wald oder auf einer Wiese wächst. In einem Garten sieht das schon anders aus. Da vermutet man dann schon, dass dieser Baum von einem eifrigen Gärtner beschnitten wurde um den Obstertrag zu erhöhen. Stirbt der Baum und viele andere Pflanzen mit ihm, verwandeln sie sich über die Jahrmillionen langsam zu Torf. Das ist noch natürlich. Ein paar Jahr später, wenn aus dem Torf dann Kohle geworden ist, gibt es schon einige Skeptiker die meinen, Kohle wäre nicht mehr so richtig natürlich. Hat sich die ganze tote Biomasse in Erdöl verwandelt, muss man die Befürworter des natürlichen wohl lange suchen. Wird aus dem Erdöl dann noch Plastik ist es mit der Natürlichkeit endgültig dahin. Warum klammert der Mensch sich und seine Erzeugnisse aus der Natur aus? Ein Vogelnest zu fotografieren ist eindeutig Naturfotografie weil es die Behausung eines Tieres ist. Die Behausung eines Menschen zu fotografieren nennt sich dann aber Architekturfotografie und hat mit Natur nichts mehr zu tun. Die menschliche Behausung soll keine Natur sein, weil vom Menschen "künstlich" hergestellt? Spinnen wir diesen Gedanken weiter: Ein Foto von sagen wir mal, seltenen Schneeleoparden beim Liebesspiel, wird man an einige Zeitschriften gut verkaufen können und die Masse der Bevölkerung wird dieses Foto hoch einschätzen. Das gleiche Foto, nur mit Menschen als Hauptdarsteller, nennt sich Pornografie, ist in weiten Teilen der Welt verboten und sogar auf dem Server, auf dem diese Homepage liegt, sind solche Bilder nicht erlaubt. Das Schlimme ist aber: Ich selbst denke genau so. Ich frage mich zwar warum, doch ändert das nichts an meiner Meinung, dass der Mensch nicht zur Natur gehört. Die Behausungen der Menschen nehmen der Natur den Platz weg und kopulierende Menschen .... na ja, ihr wisst schon. Wie soll ich als Fotograf jetzt eine Grenze ziehen von der Naturfotografie zum Rest der Welt? Muss ich das überhaupt? Ich kann doch fotografieren was mir Spaß macht! Selbstverständlich kann ich das. Ich sollte nur ehrlich sein und klar dazu stehen wie meine Aufnahmen entstanden sind.
Strittig sind Punkte wie: Darf ich Blätter, die den Pilz teilweise verdecken, wegnehmen ... Darf ich den Hintergrund nachträglich weichzeichnen um den Pilz besser in den Vordergrund zu stellen ... Darf ich den Original Pilz ausgraben, ihn anderswo einbuddeln, wo der Hintergrund schöner ist als am Originalschauplatz ... ... und das Bild dann noch Naturfotografie nennen? ![]() Folgender Punkt kommt erschwerend hinzu: Angenommen, ich finde in scheinbar menschenleerer Wildnis einen Pilz an perfekter Stelle, ohne mit Blättern bedeckt zu sein, mit gleichmäßigem Hintergrund, keine störenden Gräser im Vordergrund, also die wahre Pracht schlechthin. Woher soll ich denn wissen, ob da nicht jemand den Pilz im Keller gezogen hat, die Gräser ausgerupft und den Pilz genau da eingegraben hat, wo ich ihn gefunden habe? Sicher, das wäre schon ein irrer Zufall, wenn gerade ich diesen Pilz entdecken würde. Aber ich glaube nicht an Zufälle. Ich habe eine Geschichte gelesen, wo ein malerischer Bach von einem Fotografen von reingefallenen Ästen und sonstigem Müll wie Tüten, Flaschen etc. befreit und anschließend fotografiert wurde. So ein Bach wird von vielen Fotografen gesehen und fotografiert und die Wahrscheinlichkeit von weiteren Aufnahmen steigt ins unendliche. Da ist dann Schluss mit Zufall. Ist ein solches Foto jetzt ein echtes, unmanipuliertes Naturfoto? ![]() Angenommen, tags darauf komme ich des Weges daher, sehe diesen schönen, naturbelassenen, sauberen Bach und mache meine Aufnahmen. Gebe ich diese Bilder als unmanipulierte Naturaufnahmen aus, habe ich dann gelogen? Unwissenheit schützt nicht vor Strafe. Ich, als Fotograf, kann immer nur eine Momentaufnahme, einen ganz kleinen Ausschnitt der Zeit, auf Film oder Chip bannen. Wie die Situation zustande gekommen ist bleibt mir verborgen.
Grobe Eingriffe, wie umpflanzen, putzen, beschneiden, begradigen, hoch binden etc. lehne ich ab. Auch sollten zahme Tiere nicht als wild verkauft werden. Als Grauzone sehe ich Manipulationen des Lichts. Verwende ich Diffusoren, Reflektoren oder gar Blitzgeräte oder sonstige künstliche Lichtquellen, stelle ich das Motiv in einem Licht dar, in dem es im Moment der Aufnahme ohne mich nicht gewesen wäre. Ebenso kann ich nicht klar entscheiden, ob die Graugänse, Enten oder auch Frösche im stadtnahen Park wirklich wild sind. Manipulationen die von anderen begangen sind (gesäuberter Bach, umgetopfte Pflanzen etc.) kann ich nicht wissen. Ich würde vorschlagen, auf den Ausdruck „unmanipulierte Naturaufnahme“ zu verzichten und statt dessen die „Naturaufnahme, von mir nicht manipuliert“ einzuführen. Oder man gibt halt an, welche Manipulationen man vorgenommen hat. Es verbietet einem ja keiner, optisch anmutende Aufnahmen zu erstellen, die in allen möglichen Punkten „verschönert“ wurden. Fazit: Ehrlich währt am Längsten |